Die Lese- und Rechtschreibschwäche ist eine erhebliche Störung im Aneignungsprozess des Lesens und Schreibens, die in der Klassifikation der international gesicherten Diagnosen der Weltgesundheitsorganisation als spezifische Entwicklungs- und Lernstörung der Kindheit beschrieben und eingeordnet wird. Demnach gilt die Legasthenie als eine mögliche Folge von einzelnen oder kombinierten Funktionsstörungen im Entwicklungsprozess des Kindes, d.h. spezifischer Leistungen der Perzeption, der Informationsverarbeitung oder motorischen Handeln. Die geforderten Leistungen des Schreiben- und Lesenlernens zeigen sich allerdings nur bei einer genauen Beleuchtung der Sachlogik der "Schriftsprache": Unsere Schrift ist eine Lautschrift nach dem alphabetischen System, d.h. auditiv verarbeitete verbale Informationen werden in korrespondierende Graphemzeichen (und Graphemfolgen   werden in Lautstrukturen) umgesetzt. Der "Einzel-Buchstabe" des Schriftbildes bleibt zwar immer der gleiche, der "Einzel-Laut" existiert im gesprochenen Wort jedoch nicht als isolierte und begrenzte Lautgestalt. Er ist Resultat einer Sprechbewegung; die Phonetik spricht deswegen vom "Laut-Strom" des gesprochenen Wortes. Es gibt folglich also keine unmittelbare Entsprechung zwischen der lautlichen Ebene des Sprechaktes und den Buchstaben. In diesem Sinne ist die elementare Stufe des Schriftspracherwerbsprozesses eine Leistung der Analyse von Sprachlauten.

Kinder und Jugendliche, die besondere Schwierigkeiten beim Erwerb des Lesens und Schreibens haben, scheitern an der visuellen Merkfähigkeit und Gestalterfassung von Wortbildern; sie müssen daher immer noch aufwändige analytische Wahrnehmungsprozesse durchführen, um durch das "Abhören" des Lautstroms zur Buchstabenabfolge zu gelangen. Sie scheitern an dem Gedächtnis für Sprachsymbolik,  an der Lautdifferenzierungsfähigkeit, aber auch an den Erfordernissen des Schreibvollzugs, der feinmotorischen Koordination und Genauigkeit der Schreibbewegung, bei der wiederum visuell-räumliche Fertigkeiten gefordert sind. Wir finden also bei lese-/ rechtschreibschwachen Kindern und Jugendlichen unterschiedliche und höchst komplexe Störbilder, die sich auf unterschiedliche Teilfertigkeiten des Lesens und Schreibens beziehen.

Weil es sich nun bei diesen Teilleistungsstörungen um Leistungsprobleme handelt, die im schulischen Kontext auftreten, zeigt sich in der Regel bei den betroffenen Kindern und Jugendlichen auch eine psychische Problematik. Der Schuleintritt ist für jedes Kind eine einschneidende Erfahrung: Das bewusste Lernen rückt in den Mittelpunkt des kindlichen Lebens. Die Erfahrungen von Erfolg und Misserfolg formen nun wesentlich das kindliche Selbstbild. Das Erlernen der "Kulturtechniken" des Lesens und Schreibens hat im Erleben der Kinder eine herausragende Bedeutung. Manche Kinder schließen bereits in frühem Schulalter von ihrem spezifischen Lernrückstand auf ihre generelle Unterbegabung ("ich bin dumm", "ich lerne das nie") als ein quasi unbeeinflussbares und stabiles Persönlichkeitsmerkmal. Die sich ständig wiederholenden Selbstwertverletzungen, die sie wegen ihrer Lernprobleme erleiden, können von ihnen oft nur unzureichend kompensiert werden: 

Sie entwickeln Ängste und Minderwertigkeitsgefühle. Daraus resultiert oft ein Vermeidungsbedürfnis, das als Unlust oder Unkonzentriertheit missverstanden wird.   So resultiert aus der "funktionellen Einschränkung" die "soziale Beeinträchtigung":

 

Die geschädigten Kinder werden häufig getadelt, in den Augen anderer herabgesetzt, zu Hause stundenlang mit Lese- und Schreibübungen traktiert, statt mit Freunden spielen zu können, von Geschwistern und Mitschülern gehänselt und dergleichen.   So werden sie zunehmend sozial isoliert, erreichen nicht die Schulbildung, die sie intellektuell erlangen könnten, erfahren Schwierigkeiten am Ausbildungs- oder Arbeitsplatz“

Prof.Dr.V.Harnack-Beck,"Eingliederungshilfe gemäß §35a SGB VIII bei Lese-Rechtschreibstörung in NDV Heft (/1998,